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RWE-Innogy Chef Vahrenholt findet deutliche Worte zur Klimadebatte

Der promovierte Chemiker Fritz Vahrenholt war von 1991 bis 1997 Umweltsenator in Hamburg danach Chef der Deutschen Shell AG und von 2001 bis 2007 Vorsitzender des Windkraftanlagen-Herstellers REpower Systems AG. Seit Februar 2008 ist er Vorstandsvorsitzender des RWE-Tochterunternehmens RWE Innogy. Vahrenholt ist seit 1999 Professor der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie. Ein durchaus kluger Kopf also, der bereits des öfteren durch seine ebenso sachliche wie mutige Analyse bei politisch heiss diskutierten Projekten (dersertec) auffiel. Spiegel Online hat jetzt ein Essay zur Klimadebatte veröffentlicht, in dem Vahrenholt in gewohnter Manier sehr klare Worte findet. Auch wenn Strom-Prinz.de nicht alle seine Aussagen unterstützt, haben wir nachfolgend die wichtigsten Passagen zitiert.

Prof. Fritz Fahrenholdt - Bildquelle: RWE

Prof. Fritz Vahrenholt - Bildquelle: RWE

Deutschland als Technologieführer

Selbst wenn es in Deutschland immer schwieriger wird, neue Windkraftanlagen genehmigen zu lassen, wir bei der Offshore-Windenergie zu den europäischen Schlusslichtern gehören und auch die Photovoltaik in unseren Breitengraden nur dürftige Ergebnisse liefert, ist Deutschland dennoch einer der Haupt-Profiteure der Erneuerbaren Energien. Das sieht auch Vahrenholt so: „Der entscheidende Beitrag, den Deutschland zur Lösung des Klimaproblems zu leisten vermag, besteht ohnehin darin, Innovationen voranzutreiben. Unser Land ist schon heute führend darin, verbrauchsarme Maschinen und Produkte zu entwickeln, Verfahren zur Abscheidung von Kohlendioxid, hocheffiziente Windkraftanlagen sowie immer bessere Speichertechniken. Abgesehen von dänischen Firmen sind deutsche Unternehmen beispielsweise derzeit die einzigen, die Anlagen für große Offshore-Windparks bauen können. Kein Amerikaner, kein Chinese, kein Engländer ist heute dazu in der Lage.“

Windenergie bald mit Netzparität

Kritiker der Erneuerbaren Energien vergleichen gerne die heutigen Kosten von Ökostrom mit den reinen Produktionskosten von Strom, der mit fossilen Energien oder Kernkraft erzeugt wird. Vahrenholt setzt diesen Vergleich in die richtigen zeitlichen Relationen: „Der Wechsel zu einer neuen Energietechnologie benötigt etwa 30 Jahre. Das galt für die Kernenergie, das gilt auch für die alternativen Energieträger. Die Windenergie etwa hat nach 15 Jahren einen Reifegrad erreicht, der uns erwarten lässt, dass sie in den nächsten Jahren auch ohne Subventionen im direkten Wettbewerb mit Kohle, Gas und Atomkraft bestehen kann. Werden von den Ingenieuren neue Speichermethoden entwickelt, um die wetterbedingten Schwankungen auszugleichen, dann kann allein die Windenergie dafür sorgen, dass wir unsere nationalen Klimaschutzziele erreichen.“

Politischer Steuerungsmechanismus greift

Das deutsche Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG), soll den Ausbau von Energieversorgungsanlagen vorantreiben, die aus sich regenerativen Quellen gespeist werden. Es dient vorrangig dem Klimaschutz und gehört zu einer ganzen Reihe gesetzlicher Maßnahmen, mit denen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie z.B. Erdöl, Erdgas oder Kohle und auch von Energieimporten aus dem Raum außerhalb der EU verringert werden soll. Gegenwärtig wurde das deutsche EEG von 47 Staaten der Erde in seinen Grundzügen übernommen. Über diesen deutschen Gesetzesexport ist auch Vahrenholt stolz: „Doch wie kommen Zukunftstechnologien wie Offshore-Windparks, Elektroautos oder gar Fusionsreaktoren auf den Markt? Der Emissionshandel allein reicht nicht aus. Zum Anschub der Zukunftstechnologien brauchen wir Förderinstrumente, wie wir sie in Deutschland mit dem Energie-Einspeisungsgesetz (EEG) erfunden haben. Der Stromkunde bezahlt solidarisch dafür, dass neue Technologien im Bereich erneuerbarer Energien eingesetzt werden. Es ist ein Erfolgsmodell, welches Deutschland zu einem der wichtigsten Windkraftmärkte weltweit gemacht hat. Mit unserer installierten Leistung sind wir in Europa Spitze. Ohne das EEG gäbe es heute keine Multimegawattmaschinen für die Offshore-Windenergie aus Deutschland.“

Photovoltaik-Förderung ökologisch und ökonomisch falsch

Nicht zum ersten Mal nutzt Vahrenholt die Gelegenheit, gegen die aus seiner Sicht übertriebene Förderung des Photovoltaik-Stroms zu wettern: „Aber auch das EEG setzt falsche Anreize, die uns alle sehr viel Geld kosten. Für die Förderung von Photovoltaik etwa bezahlt der deutsche Stromkunde zwei Milliarden Euro im Jahr – und das 20 Jahre lang. 40 Milliarden Euro werden so für Solarzellen auf Siliziumbasis verschwendet, die niemals in Deutschland wettbewerbsfähigen Strom produzieren werden. Auf diese Weise werden für die kommenden Jahrzehnte mit finanziellem Aufwand Strukturen etabliert, die uns beim Klimaschutz nicht voranbringen. Dieses Geld könnte wesentlich besser angelegt und ein Zigfaches an CO2-Einsparung geleistet werden.“

Desertec vs. heimische Solarenergie

„Wäre es nicht besser, dort in Photovoltaik oder solarthermische Kraftwerke zu investieren, wo die Sonne dreimal so häufig scheint und die Kosten für die Erzeugung somit nur ein Drittel betragen? Europäische Stromkunden wären sicher eher bereit, eine Anschubfinanzierung für das ambitionierte Desertec-Projekt zu leisten, das Sonnenstrom in Nordafrika erzeugen soll. Viel sinnvoller wäre es zudem, endlich Speichermöglichkeiten zu schaffen für den witterungsabhängigen Windstrom. Eine Möglichkeit bestünde darin, so schnell wie möglich eine große Flotte von Elektroautos auf die Straße zu bringen. Nachts könnten sie den Windstrom zu günstigen Preisen aufnehmen und speichern.“

Der Konzernmutter ein wenig nach dem Mund geredet

Etwas unwohl fühlt man sich als Leser, wenn der Vorstandsvorsitzende einer RWE-Tochter über die Rolle der Kernenergie referiert. Wo hört die sachliche Diskussion auf und wo fängt das Eigeninteresse an?! Den Bogen, den Vahrenholt zwischen Windkraft und Kernenergie spannt, kann man getrost als gewagt bezeichnen: „Darüber hinaus war es klug von der Bundesregierung, die Kernenergie als Lastesel für die neuen Technologien zu entdecken. Eine Laufzeitverlängerung der von vielen so verhassten Atomkraftwerke setzt dafür Milliarden frei. Zudem sind Reaktoren wesentlich flexibler hoch und herunter zu fahren als die meisten anderen Kraftwerkstypen. Damit sind sie die ideale Ergänzung für die stark witterungsabhängigen Windkraftanlagen. Wer Kernkraftwerke abschaltet, gefährdet den Ausbau der Windenergie.“

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3 Kommentare

  1. Zitat Vahrenholt: „Viel sinnvoller wäre es zudem, endlich Speichermöglichkeiten zu schaffen für den witterungsabhängigen Windstrom. Eine Möglichkeit bestünde darin, so schnell wie möglich eine große Flotte von Elektroautos auf die Straße zu bringen. Nachts könnten sie den Windstrom zu günstigen Preisen aufnehmen und speichern.”

    1) Speicher sind in ihrer Bilanzierung grundsätzlich Energieverbraucher und keine Energieerzeuger. Das bedeutet, daß mit Elektroautos erst mal der Energiebedarf heftig ansteigen wird.

    2) Welchen Nutzen soll ein Stromverbraucher davon haben, wenn z.B. der Nachbar mit seinem Auto nachts zu einem günstigen Einkaufspreis Strom speichert, um ihn tagsüber zu einem höheren Preis zurück ins Netz zu verkaufen? In der Summe führt dies zu weiteren Strompreisanstiegen. Den Nutzen hat nur der Stromversorger – aber kein einziger Strom-Endkunde. Wer ein Elektroauto nutzen will – was ich im Prinzip befürworte – soll den Verbrauch genauso berappen wie bisher mit dem herkömmlichen Treibstoff.

  2. Zitat: „Windenergie bald mit Netzparität“ – Der Begriff ‚Netzparität‘ wird von der EE-Branche falsch verwendet. Netzparität bedeutet aus elektrotechnisch-fachlicher Sicht, daß ein Generator im Netz jederzeit mit der jeweils gleichen Leistung die Schwankungen des Verbrauchers pariert. Nur so bleibt die Netzspannung konstant. Wind- und Solargeneratoren können dies aufgrund der wetterbedingt schwankenden Einspeiseleistungen nicht und benötigen daher zusätzlich herkömmliche Kraftwerke, um die Spannung konstant zu halten – das sogenannte Backup.

    Was bespielweise bei Wikipedia steht, ist nicht die Netzparität, sondern die Kostenparität (Wikipedia weiß auch nicht alles). Daraufhin arbeiten die Stromversorger: wenn sie durch sukkzessive Anhebung ihrer Strompreise dereinst die gleiche Höhe wie die Einspeisegebühren erlangt haben, dann haben wir die Kostenparität. Von dem umgekehrten Verfahren – die Einspeisegebühren soweit senken, bis sie die herkömmlichen Strompreise treffen, darüber ist mir bisher noch nichts bekannt geworden.

  3. Die Kosten, Strom auf herkömmliche Art in Großkraftwerken zu produzieren ist das eine (und schon strittig genug). Der Preis, den ein Endkunde zahlt das andere. Und die Einspeisevergütungen nach dem EEG wieder etwas anderes. „Kostenparität“ halte ich daher nicht für den richtigen Begriff. So schlecht finde ich die Wiki-Definition nicht: „Aus Verbrauchersicht ist die Netzparität allerdings schon erreicht, wenn der selbst produzierte Strom dieselben Kosten je kWh erzeugt wie der Einkauf von einem Netzbetreiber.“ Heißt für Deutschland: wenn man mit seinem Photovoltaik-Modul irgendwann einmal unter 19 ct/kWh kommt, ist die Parität aus Endkundensicht erreicht. Die Einspeisevergütung ist da außen vor.

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