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Bundestagsabgeordneter kommentiert „Wüstenstrom“

Auf Abgeordnetenwatch.de hat sich Journalist und Bundestagsmitglied Marco Bülow in seiner Funktion als umweltpolitischer Sprecher der SPD auf bemerkenswerte Art und Weise zur aktuellen Wüstenstrom-Diskussion geäußert. Für einen Politiker ist die Antwort auf eine Internetanfrage
(„mich interessiert, was Sie als umweltpolitischer Sprecher von solarthermischen Kraftwerken in Wüstenregionen (z.B. in Nordafrika) halten, sog. „Wüstenstrom“?)
außergewöhnlich substanziell. Auch wenn der Strom-Prinz zu einigen der angeführten Argumente eine andere Sicht hat, folgt hier die Antwort von Herrn Bülow im ungekürzten Wortlaut:

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Bildquelle: Marco Bülow

Die Greenpeace-Studie zu solarthermischen Kraftwerken (CSP = Concentrated Solar Power) ist mir bekannt. Es ist nicht die erste Studie – auch nicht von Greenpeace – zu dieser Technologie und ihren Potentialen. Vorab möchte ich kurz festhalten, dass ich die Nutzung der CSP-Technologie und die Erzeugung von „Wüstenstrom“ für eine sinnvolle Möglichkeit der Nutzung Erneuerbarer Energien halte – auch wenn ich im Folgenden einige kritische Argumente hinsichtlich der aktuellen Debatte anfügen möchte.

Aktuell gibt es in den Medien und in der Öffentlichkeit einen ziemlichen Hype um das Thema „Wüstenstrom“ und „Desertec“, der meines Erachtens die Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer solchen Initiative und bei der massenhaften Verbreitung der CSP-Technologie unterbewertet und dabei die Bedeutung und die wahre Geschwindigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren Energien in Deutschland zu vernachlässigen droht.

Bereits im Jahre 2003 gab es mit der Global Market Initiative (GMI) eine gemeinsame Initiative der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und des Bundesumweltministeriums, mit deren Hilfe der weltweite Durchbruch der CSP-Technologie erreicht werden sollte. Bedauerlicherweise konnte die Initiative dieses Ziel nicht erreichen. Dies zeigt aber schon auf, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, solche großen Projekte umzusetzen, die nur von einer Handvoll von potentiellen Akteuren gestemmt werden können. Auch bei der aktuellen Desertec-Intiative, die sich das Ziel gesetzt hat, den „Wüstenstrom“ zum Durchbruch zu verhelfen, muss man kritisch hinterfragen, wie nah sie an der Umsetzung ist. Keines der beteiligten Unternehmen hat bisher öffentlich und einigermaßen verbindlich den Willen zur Umsetzung bekundet, d. h. von keinem Unternehmen liegt bisher ein „Letter of Interest“ vor, der in der Geschäftswelt der allererste Schritt zu einer möglichen Umsetzung wäre. Ebenso wenig haben die beteiligten Banken bisher Finanzierungszusagen gemacht. Selbst zentrale Personen ein und desselben Unternehmens widersprechen sich öffentlich in ihrer Einschätzung zu solchen Projekten: Während sich z. B. der RWE-Chef Großmann positiv äußert, lehnt Fritz Vahrenholt, der Chef von RWE Innogy – also der Erneuerbaren-Energien-Tochter von RWE, die wohl im RWE-Konzern federführend für CSP-Projekte zuständig wäre -, Projekte wie die Desertec-Initiative als unrealistisch ab.
Neben Pressemitteilungen und einem kommenden, unverbindlichen Treffen möglicher Beteiligter für das Desertec-Projekt befindet sich nichts in der Umsetzung. Mit Zeitungsartikeln und Medienberichten aber werden keine Investitionen getätigt und keine Kraftwerke gebaut.

Seit 1986 wird CSP mit einzelnen Projekten in unterschiedlichen Regionen der Welt und mit zum Teil unterschiedlichen technischen Ausprägungen „angewendet“ bzw. in Demonstrationskraftwerken getestet. Zu diesem Zeitpunkt war dagegen der globale Ausbau der Photovoltaik zwar vernachlässigbar klein, aber aufgrund der Aktivierung von zahlreichen Akteuren – vom „normalen Bürger“ bis zu Bürger- und Investmentfonds – konnte der massenhafte Ausbau der Photovoltaik nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern erreicht werden, so dass heute die globale installierte Kapazität der Photovoltaik die der solarthermischen Kraftwerke um ein Vielfaches übersteigt.

Es gibt kein Anlass zur Sorge, dass der Atomausstieg mit den beschlossenen Laufzeiten zu Energieengpässen führt. Der bisherige Ausbau der Erneuerbare Energien sowie alle Prognosen des weiteren Ausbaus zeigen, dass die Erneuerbaren Energien den wegfallenden Atomstrom mehr als kompensieren werden. Selbst die Prognosen der vier großen Stromkonzerne, oder besser ihrer Netztöchter, die ja nach dem Energiewirtschaftsgesetz für die Aufrechterhaltung der Stromversorgung verantwortlich sind, kommen zum gleichen Ergebnis – nämlich, dass es in Deutschland im Jahre 2020 bei vollzogenem Atomausstieg sogar einen Stromüberschuss geben wird. Aber dies kommunizieren sie natürlich nicht so gerne aktiv nach außen.

Hinzu kommt, dass der große Vorteil von solarthermischen Kraftwerken, zusammen mit großen thermischen Speichern Grundlaststrom bereitstellen zu können, für die zukünftige Stromversorgung in Deutschland nicht nur vorteilhaft sein wird. Die zentrale Säule der zukünftigen Stromversorgung in Deutschland wird – aufgrund des jetzigen Ausbaus der Erneuerbaren Energien und der natürlichen Gegebenheiten – die Windkraft sein. Hauptsächlich um diese Säule wird man das Energiesystem neu ausrichten müssen, um eine sichere und verlässliche Energieversorgung zu gewährleisten. Das bedeutet, wir brauchen schnell steuerbare Kraftwerke, Speicher und ein intelligentes Lastmanagement. Dänemark zeigt heute schon auf, wie man mit höheren Anteilen von Windkraft eine Stromversorgung aufrechterhält und welche notwendigen Maßnahmen man hierzu ergreifen muss. Erste Schritte zum erforderlichen Umbau unseres Energiesystems haben wir in dieser Legislaturperiode schon gemacht. So habe ich mich im Rahmen der Verhandlungen zum sogenannten Energieleitungsausbaugesetz z. B. dafür eingesetzt, dass auch der Bau von Stromleitungen nach Norwegen schneller vorankommt. Gerade die Nutzung der nordeuropäischen Wasserkraft bietet den idealen Ausgleich zu fluktuierenden Erneuerbaren Energien wie der Windkraft, sowohl als Kurzzeit- aber vor allem als Langzeitspeicher.
Generell zu diesem spannenden Thema möchte ich nur auf die letzte Arbeit des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung verweisen, der in seinem sehr guten Thesenpapier diese Entwicklung aufgezeichnet hat.

Auch hinsichtlich eines umfassenden Aufbaus eines europäischen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Netzes (HGÜ-Netz) bzw. eines sogenannten „Supergrids“ bin ich skeptisch, nicht nur hinsichtlich der Kosten, sondern auch aufgrund der Hürden bei der Errichtung. Nicht nur in Deutschland haben wir zahllose Erfahrungen machen müssen, wie langwierig der Netzausbau vorangeht. So streiten z. B. Spanien und Frankreich seit mehr als 15 Jahren über den Bau einer 380kV-Leitung über die Pyrenäen. Die EU-Kommission musste den ehemaligen Wettbewerbskommissar Mario Monti als Koordinator dieser einen Leitung einsetzen, der in einem mehr als zweijährigen Moderationsprozess versucht hat, die Parteien zueinander zubringen. Nun liegen die Berichte des Koordinators endlich vor und es muss nun „nur noch“ gebaut werden.

Des Weiteren möchte ich noch auf ein allgemeines Problem von Großprojekten hinweisen, die in zentralistisch, diktatorisch oder totalitär geführten Staaten errichtet werden, unabhängig davon, ob es sich um Projekte mit fossilen Rohstoffen oder um Erneuerbaren-Energien-Projekt handelt.
Die Erfahrungen, die man z. B. bei den sogenannten Extractive Industries (Öl- / Gasexploration in Entwicklungsländern; Minenprojekte, Erzabbau u. a.) gemacht hat, zeigen, welche Probleme man bekommen kann, wenn Großkonzerne mit Großprojekten in autoritär geführten Ländern investieren. Ich möchte hier nur an das Beispiel Shell und Nigeria erinneren. Nur weil es sich bei der Desertec-Initiative um Erneuerbare Energien handelt, bedeutet es nicht automatisch, dass damit Friede, Freude, Einigkeit einhergehen. Vielmehr kann sogar die Gefahr bestehen, dass Erneuerbare Energien in Misskredit gebracht werden. Zentrale Fragen, die man unbedingt vorher beantworten und klären muss, wären z. B.: Wie kann man verhindern, dass sich nicht nur die Führungsschicht eines Landes an CSP-Projekten und an dem Stromexport in den „reichen Norden“ bereichert? Wie kann man sicherstellen, dass es mit Errichtung von großen, zentralen CSP-Kraftwerken auch zu einer Stärkung der Gesellschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung im jeweiligen Land kommt?

Neben all diesen kritischen Anmerkungen zum Thema „Wüstenstrom“ möchte ich positiv hervorheben, dass in anderen Ländern „Wüstenstrom“ einen wichtigen Beitrag leisten könnte. Zuallererst natürlich in den Ländern der MENA-Region („Middle East and North Africa“) selbst, um dort den weiter steigenden Strombedarf zu decken (vor allem zur Versorgung der großen Ballungszentren) oder um dort über eine umweltfreundliche und nachhaltige Meerwasserentsalzung zur Deckung des Wasserbedarfs und auch zur wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen. Auch für einige südeuropäische Staaten kann der Import von „Wüstenstrom“ ein weiterer Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit sein: Hier sei vor allem auf Italien hingewiesen, dessen Versorgungssicherheit im Bereich Strom wirklich prekär ist und das den Strom aus dem Norden importieren muss. Wie fragil diese Anbindung für Italien ist, hat ja der Sturm aus dem Jahre 2003 gezeigt, als durch herabstürzende Äste die Interkonnektoren zwischen Frankreich und Italien ausfielen und es dort zu einem landesweiten Stromausfall kam. Ein Stromimport aus dem Süden würde deshalb für Italien mehr Versorgungssicherheit bedeuten. Nicht umsonst hat sich Italien im Rahmen der Verhandlungen zur neuen europäischen Erneuerbaren-Energien-Richtlinie für die Anrechenbarkeit von physischem Regenerativstromimport auf das nationale Ausbauziel eingesetzt.

Abschließend möchte ich noch mal betonen, dass ich die Konzepte zu Wüstenstrom generell begrüße, da es neue Perspektiven bei der Nutzung Erneuerbarer Energien bietet. Deswegen müssen wir solche Konzepte eingehend prüfen und kritisch begleiten. Dies bedeutet, dass wir das Thema differenziert betrachten und Wüstenstrom weder verteufeln, noch als Rettung aller möglichen Energieprobleme preisen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit dieser etwas ausführlicheren Antwort ein paar weitere Aspekte aufzeigen, die man bei der Diskussion um „Wüstenstrom“-Projekten mit bedenken muss.

Mit freundlichen Grüßen

Marco Bülow

Quelle: Abgeordnetenwatch.de

1 Kommentar

  1. Guter Beitrag – von dieser Seite habe ich das noch nicht betrachtet.

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